von
Anke Haarmann

BÜNDNISSE

   
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Projekt-Kunst ist Bündnispolitik. Als ich 1998 anfing, projektorientiert zu arbeiten, hatte ich den Eindruck, dass die Themen, die mich interessierten, nicht sinnvoll alleine zu bearbeiten waren. Auch die präsentative Kunstform langweilte zunehmend, weil zwischen der Arbeit im Atelier am Anfang und dem Abbau der Ausstellung am Ende nichts Nennenswertes zu passierten schien. Und der Begriff der Autorenschaft war verdächtig geworden. Ich hatte den Eindruck, dass es einer Überprüfung der künstlerischen Thesen schon während des Arbeitsprozesses bedurfte, und dass die individualisierte Herstellung von künstlerischen Objekten Gefahr lief, privatistisch zu werden. Wollte man sich den eigenen Hirngespinsten und theoretischen Vorurteilen überlassen, wenn es ernsthaft um die Frage nach dem Verhältnis von Bild und Wirklichkeit ging? Wo war die Wirklichkeit dieses Verhältnisses, wenn nicht dort, wo es sich zwischen Bild und Individuum realisierte?

Um ernsthaft arbeiten zu können, würde man Bündnisse brauchen. Mit der kooperativen Projekt-Kunst war jene Form gefunden, die angemessen auf den Anspruch reagierte, nicht bloß Schablonen wiederholen zu wollen, sondern in der künstlerischen Arbeit etwas herausfinden, bewirken und dieses vermitteln zu wollen. (Ein unzeitgemäßer Anspruch?) Außerdem hörte es auf, langweilig zu sein. In der Bündnisarbeit passiert ständig alles Mögliche, man ist herausgefordert und muss das, was man tut, bildet oder behauptet, vor dem konkreten Gegenüber nicht bloß dem abstrakten Allgemeinen rechtfertigen.

Dieses Gezerre an der eigenen Position noch in der Phase der Produktion schien auch die Legitimationskrise des Autorenbegriffs zu beantworten und dem genialischen Schöpferindividuum einen zerstreuten Projektinitiator entgegenzustellen. Michel Foucault, der die Figur des Autors als diskursiven Effekt dechiffrierte - gerade dieser "große" Foucault - macht indirekt zugleich deutlich, dass Autorenschaft großartige Effekt haben kann. Zu meinen, der Autor würde nach seiner Dekonstruktion verschwinden, war naiv. Die Figur des Projektinitiators verschweigt die Position der Initiative nicht, von der ausgehend Effekte möglich werden. Sie macht nur den Zusammenhang deutlich, in dem sich das, was als Effekt zu wirken beginnt, abspielt. Bruno Latour spricht von "haarigen Objekten" um den Sachverhalt zu benennen, dass Dinge (oder Autoren) nicht glatt und in sich abgeschlossen sind, sondern an den Rändern zerstreuen und sich in Netzwerke verstricken. Nun ist die Projekt-Kunst kein haariges Objekt - . Aber die Figur des Knotens, der an den Rändern zerfasern, die Objekte, die sich nach allen Seiten verbinden, die Künstlersubjekte, die in Projektform arbeiten - scheint brauchbar. War nicht überhaupt die Kunst immer schon eine Projekt-Kunst, in der Werke durch den Zusammenhang mit anderen Werken entstanden, Künstler auf die Kooperation mit anderen angewiesen waren, sich Sinn im kulturellen Kontext einstellt, ästhetische Erfahrung auf dem sensus communis basierte, und Autorenschaft durch die Rezeptionsgeschichte entstand? Heißt nicht Projekt-Kunst die Sichtbarmachung dieser zerstreuten Effekte - eine Bündnispolitik gegen das kulturelle Vergessen?

Es gab allerdings den Begriff der Projekt-Kunst nicht in dem Maße, als dass man sich von Anfang an darauf hätte berufen können. Er musste erst gefunden werden. Stattdessen wurde um die partizipative Kunst gestritten, interventionistische Praxis betrieben oder prozessorientiert gearbeitet.

Die künstlerische Projekt-Arbeit, obwohl prozess- und kommunikationsorientiert, kulminieren in einem ästhetischen Objekt, dass im Kunstraum sowohl seine Thematik symbolisch repräsentiert, wie auch gegenüber dem Betrachter offen genug ist, um an die Projekthaftigkeit der Kunst zu erinnern und eigenständige Recherche anzubieten. Ich arbeite daran, dem offenem Werk eine bündige Form zu geben, gleich einer emblematischen Eingangstür in eine Welt der Untersuchungen, und will zeigen, dass Hochkultur, Popästhetik und intellektuelle Reflexion zusammengebracht werden können. Damit scheint man es sich mit der alternativen Kunstszene ebenso zu verscherzen ("wo ist denn da die Kritik") wie mit der klassischen ("das ist Soziologie"). Aber die reflexiven Prozesse vermitteln sich in den ästhetischen Objekten und die Arbeit wird genau dort spannend, wo das Normale und Angepasste scheinbar bedeutungslos am Gewebe des Ganzen beteiligt ist und in der Projekt-Kunst zum Vorschein gebracht werden kann.

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