von
Sonja Hempel

ARCHIV

   
Selbst/Bilder |Texte:| Identifikation | Partizipation | Handeln
 

["Die Archivierung bringt das Ereignis im gleichem Masse hervor, wie sie es aufzeichnet."(1)]

Der Begriff Archiv lässt sich auf das griechische Wort archeion (lat. archivum) zurückfŸhren. Ursprünglich bezeichnete das archeion den privaten Wohnsitz der höheren Magistratsangehörigen, den archontes, diejenigen, die Macht ausübten. Interessanterweise spielte dabei der Ort, das archeion, die wesentliche Rolle für die politische Macht der archontes. Durch den Besitz des Hauses wurde den archontes das Recht zugesprochen, das Gesetz geltend zu machen oder darzustellen. Der öffentlich zugesprochenen Autorität wegen deponierte man zu jener Zeit die öffentlichen Dokumente in den Privathäusern der archontes. Das Haus wurde zur Institution. Die archontes waren zunächst die Bewahrer der Dokumente, die deren physische Sicherheit gewährleisteten. Zudem wurde ihnen das Recht und die Kompetenz der Auslegung zuerkannt. Sie hatten die Interpretationsmacht und behaupteten das Gesetz: sie erinnerten an das Gesetz. Die Dokumente wurden nur durch die privilegierte Anordnung, die von den archontes getroffen wurde, vor dem Verfall bewahrt und eingeordnet. Auch heute können Archive weder einen Ort noch einen Träger entbehren. Das kollektive Gedächtnis - das Archiv - bedarf einer ständigen tätigen Erneuerung. Es muss aktualisiert, interpretiert und neu bewertet werden.

Die archontische Macht vereint die Funktionen der Vereinheitlichung, der Identifizierung und der Einordnung. Das archontische Prinzip ist die Konsignationsmacht. Der Augenmerk geht hierbei auf den Prozess des Konsignierens, des Versammelns der Zeichen. Es fügt einen Korpus zu einem System zusammen d.h. eine spezifische Ordnung wird geschaffen. Klassifizierungen, Einordnungen und Auslassungen werden vorgenommen. Tatsächlich fungiert das archontische Prinzip patriarchisch. Grenzen zwischen objektiv und subjektiv vermischen sich, da das archontische Prinzip immer schon auf den archontes, den Hausbesitzer als Person zurückgeht. Die Ordnung des Archivs trägt die Signatur des Archivaren, sie ist subjektiv. Daher stellt sich die Frage nach der Legitimität des Archivs. Der Mythos der 'scheinbar immer dargewesenen objektiven' Ordnung wird zweifelhaft.

Die Quintessenz aus der wortgeschichtlichen Analyse hat auch heute noch ihre volle Gültigkeit: Jede Ordnung des Wissens formiert sich nach einer spezifischen Setzung. Sie stellt geregelte Verknüpfungen oder Formationen von Aussagen dar, die sich zu einer Einheit - dem Archiv - zusammenfügen. Doch diese Ordnung ist transformabel. Die vordeterminierte Struktur kann sich zugunsten einer Dynamik auflösen. Es eröffnet sich die Chance der Veränderung.

(1) Derrida, Jaques: Dem Archiv verschrieben. Berlin 1997

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