Selbst/Bilder [AHA] Konzept | Visionen&Utopien Index

Freitag 4. Oktober 2002 • 18.00 Uhr
Karl Ernst Osthaus-Museum Hagen • Eintritt frei

Vortrag: Anke Haarmann [AHA]
Das Selbst/Bilder Projekt 3 Visionen&Utopien

Video "Sag uns Deinen Kontostand, Familienstand und was Du heute mittag kochst"

Pause: Getränke und Imbiss

Podiumsdiskussion: Utopien der Arbeit
mit:
• Susanne Hunstock, Sabine Müller (Hagen) alleinerziehende Mütter ehemals in der Sozialhilfe
• Marion Stahl (Hagen) Sozialarbeiterin Werkhof gem. Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft mbH
• Eva Sturm (Hamburg/Wien) Kunsttheoretikerin/Kunstvermittlerin
• Günther Hefler (Wien) Soziologe/Philosoph
• Ariane Brenssell (Berlin) Kritische Psychologin

Selbst/Bilder Projekt 3 • Visionen&Utopien • von AHA • in Hagen • im Rahmen der Ausstellung Museutopia • am Karl Ernst Osthaus-Museum

die PodiumsteilnehmerInnen

Sabine Müller
(Hagen) alleinerziehende Mutter ehemals in der Sozialhilfe
  Ich wollte ausser der Aufgabe als Mutter ewas für meine eigene Existenz tun und somit auch etwas für mein Kind. Doch was ist mit meinem Kind, kann ich ihm das zumuten? Wer erzieht ihn? Wie organisiere ich die kostbare Zeit, damit wir beide zufrieden sind und uns gut entwickeln künnen. Wann wird er es verstehen und mich nicht mehr spüren lassen, dass ich gar nicht mehr seine Mutter sein kann? Nur ein paar kostbare Stunden?

Ich wünsche mir als Mutter ein Gehalt, das mir die Zeit erkauft für mein Kind und mich.

Und was ist mit mir in der Zeit, wo ich für mich bin. Wo kann ich die finden, die Zeit und die Kraft die Zeit zu überwinden? Kann ich für die 'Alten' da sein, habe ich Zeit meine Mutter später zu versorgen, wie sie mich und meinen Sohn versorgt hat?

Das ist die eine Seite und die andere Seite ist eine gewisse Freude alles irgendwie zu schaffen bzw. es zu lernen, um eine gleichberechtigte, unabhängige Lebensform zu erlangen, in der ich "Mensch" sein kann. Eben Frau und Mutter mit eigener Existenz.
Marion Stahl
(Hagen) Sozialarbeiterin am Werkhof gem. Beschäftigungs und Qualifikations GmbH
  Die Werkhof gem. GmbH wurde in den 80iger Jahren, während des deutlich Anstiegs der Arbeitslosigkeit gegründet, als immer mehr Menschen ins berufliche Abseits gestellt wurden.

Die ehemalige Hohenlimburger Schlossbrauerei wurde restauriert, renoviert und zu einem Kulturzentrum umgebaut. Durch diese Aktivität entstanden erste Ausbildungsplätze im Bauhandwerk und im kaufmännischen Bereich. Inzwischen beschäftigt die Werkhof gem. GmbH in den Bereichen: Bau, Verwaltung, Kultur, Ton- Licht, Bild- und Veranstaltungstechnik, Recycling, soziale Dienste, Möbel und Wohnraumservice sowie Renaturierung, Landschaftsschutz und Flächenreaktivierung ca. 300 Mitarbeiter.

All dies haben arbeitslose Menschen ermöglicht, die auf dem Arbeitsmarkt als sogenannte "Schwervermittelbare" keine Chance mehr bekommen. Die Werkhof gem. GmbH legt im Rahmen ihrer Beschäftigungsprojekte besonderen Wert auf die Qualifizierung der MitarbeiterInnen, um so die Wiedereingliederung in den ersten Arbeitsmarkt zu erleichtern oder überhaupt erst zu ermöglichen.

Die gemeinnützige Werkhof GmbH wird im hauptsächlich durch öffentlich Fördermittel finanziert. Subventionen gehören schon lange auch zum Alltag des sogenannten freien Marktgeschehens. Tatsächlich wäre es von gesamtvolkswirtschaftlichem Interesse die bestehende Trennung zwischen dem sogenannten 1. und 2. Arbeitsmarkt aufzuweichen und nicht durch noch bestehende Vorurteile zu verstärken.
Eva Sturm
(Hamburg/Wien) Kunsttheoretikerin/Kunstvermittlerin
  "Von den frühen neunziger Jahren an setzte sich die Auffassung von Kunst als einem Raum sozialen Austauschs und politischer Artikulation nicht nur bei KünstlerInnen und TheoretikerInnen, sondern schliesslich auch bei den massgeblichen Institutionen durch.

In Europa wurde dies deutlicher als Paradigmenwechsel empfunden als in den USA, wo kollektive, partizipatorische und aktivistische Arbeitsweisen in der Kunst seit der Bürgerrechtsbewegung der sechziger Jahre kontinuierlich präsent gewesen waren. In Europa schien sich in dieser Bewegung ein Bedürfnis abzubilden, angesichts veränderter, verschärfter Lebensbedingungen nach 1989 auch mit den Mitteln der Kunst Analysen zu formulieren und sich in gesellschaftliche Auseinandersetzungen einzuschalten, bzw. von seiten der RezipientInnen dieses Engagement von der Kunst zu fordern.

Es ging um einen verstärkten Dialog zwischen Kunst und Öffentlichkeit, eine Vermittlung der künstlerischen Intention, auch als legitimatorischer Reflex angesichts der eigenen drohenden Marginalisierung."
(Rollig, Stella, Eva Sturm (Hg.): Dürfen die das? Kunst als sozialer Raum. Art / Education / Cultural Work / Communities. Wien 2002, 13)
Günther Hefler
(Wien) Soziologe/Philosoph
  Zur Gegenwart von Utopie(n)

Utopien sind stark bestimmt und davon abhängig, wie die Beschreibung der Gegenwart, in der sie entworfen werden, in ihre Formulierung eingeht. Die Möglichkeiten traditionell z.B. der Stand der "Produktivkräfte", einen wünschenswerten Zustand zu erreichen, liegen in der Gegenwart begründet, die Hindernisse ebenfalls, die einer Entfaltung des Möglichen entgegenstehen und die Gegenstand politischer Auseinandersetzung werden. Arbeit an neuen Utopien heisst damit gerade auch Arbeit an neuen Konzeptionen, die Gegenwart zu erfassen.

Ein grosser Teil der theoretischen Konzepte und politischen Schlagworte vom Postfordismus zum Neoliberalismus - , die zur Beschreibung aktueller gesellschaftlicher Krisen verwendet werden, sind im Jahrzehnt zwischen 1970 und 1980 (weiter-)entwickelt worden. Für die Analyse ausschlaggebend waren dabei u. a. sozialstatistische Befunde: Veränderungen zentraler statistischer Grössen Sinken der Lohnquote, Steigen der Produktivität und der Arbeitslosigkeit, Tertiärisierung der Wirtschaftstruktur, Expansion der Bildungsbeteiligung usw. wurden als Belege für gesamtgesellschaftliche Veränderungen herangezogen, deren Bedeutung es festzustellen und deren politische Folgen es abzuschätzen galt.

In den letzten beiden Jahrzehnten haben sich Veränderungen in den "Zahlenreihen" fortgesetzt, ohne dass die Frage, welche neuen Phänomene sich mit dem "folgerichtigen" Weiterlaufen prognostizierter Entwicklungen eingestellt haben, beantwortet worden wäre. Der theoretischen, kulturellen und politischen Auseinandersetzung fehlen damit aussagekräftige Modelle der Gegenwart. Dazu tragen nicht zuletzt diskursive Strategien bei, Probleme unsichtbar zu machen. Europaweit sind es etwa gerade die offiziellen monatlich verlautbarten - Arbeitslosenzahlen, die Arbeitslosigkeit als gesellschaftsbestimmendes Phänomen auch dann noch verdecken, wenn sie gerade "alarmierende" Ausmasse angenommen haben.

Aber nicht das Durcharbeiten des Neuen an alten Problemen steht aus: Auch die Potentiale, die kollektive, kulturelle Veränderungen jenseits jeder Individualisierung möglich machen und vorantreiben sind kaum erfasst, weder theoretisch, noch deskriptiv. Die voranschreitende Aneignung der wissenschaftlichen und expressiven Mittel für eine reflexive, politische Soziographie, die diese Potentiale sichtbar und politisch wirkungsmächtig machen kann, erscheint dabei selbst als wichtiger Teil dieser Veränderungen. Die Beschreibungen dessen, was wir tun können, kann beides werden, Grundlage von Utopien und neuer politische Formationen.
Ariane Brenssell
(Berlin) Kritische Psychologin
  Auf Spurensuche nach gesellschaftlichen Utopien gegen einen globalen patriarchalen Neoliberalismus

Meine Arbeit an der Frage nach dem Zusammenhang von Alltag- Geschlechterverhältnissen und neoliberaler Globalisierung ist getragen durch die Hoffnung, dass ein feministischer/antipatriarchaler Blick bisher unerkannte Möglichkeiten freigeben könnte.

Meine These lautet, dass Frauenunterdrückung, -ausbeutung, -diskriminierung und patriarchale Geschlechterverhältnisse - damit auch die Aufrechterhaltung eines rigiden Geschlechterdualismus - keine Nebenwirkungen oder zufällige Begleiterscheinungen der neoliberalen Globalisierung sind, sondern zentraler Bestandteil einer neuen globalen Herrschaftsform, in der Konzernstandpunkte, Profitinteressen - die Jagd nach Renditen und Gewinnen strukturell und systematisch privilegiert werden und alles was darin nicht unterkommt oder unmittelbar nützlich ist noch ein Stückchen mehr "ins Hinterland" abgedrängt wird. Dieses Hinterland, das nicht nach Kapitalgesetzen reguliert ist, ist eine zentrale Voraussetzung der neoliberalen Globalisierung. Und das heisst, dass Geschlechterverhältnisse und geschlechtsspezifische Arbeitsteilungen mit der Globalisierung noch zementiert, verstärkt und teilweise gar hergestellt werden.