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IDENTIFIKATION |
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Identifikationsprozesse sind komplex. Zur Beschreibung der verschiedenen Faktoren, die bei diesen Prozessen eine Rolle spielen, gibt es dementsprechend viele Modelle. Das vielleicht gängiste Modell beschreibt die Identifikation als einen Vorgang, in dessen Verlauf eine Person ein intensives Verhältnis zu einem Bild aufbaut: Als Vorbild oder Wunschbild führt dieses Bild dem Subjekt ein persönliches Ideal vor Augen. Das Verhältnis des Subjekts zu diesem Idealbild ist dabei durch eine widersprüchliche Gleichzeitigkeit von Distanzlosigkeit und Distanz bestimmt. Distanzlos ist das Verhältnis, insofern das Subjekt das Bild verinnerlicht und die Verehrung des Bildes zum Kern der eigenen Persönlichkeit erklärt. Distanziert ist das Verhältnis, weil das Idealbild per definitionem einen Zustand des eigenen Charakters, Körpers oder Lebens bezeichnet, den es erst noch zu erreichen gilt. Der Prozess der ständigen Annährung an ein (unter Umständen unerreichbares) Ideal ist das Drama des Identifikationsprozesses. Man kann sich dieses Drama als Tragödie oder Komödie vorstellen. Kulturhistorisch hat dieses Drama der Identifikation sowohl die Psychoanalyse wie auch den bürgerlichen Bildungsroman reichlich mit Stoff beliefert. Aber muss man sich das Objekt der Identifikation zwangsläufig als 'Bild' vorstellen? Ist Identifikation zwangsläufig an das visuelle Moment des 'Abschauens' und 'Nachahmens' gebunden? Wie ist es zum Beispiel, wenn man sich auf der Ebene der Körpersprache mit bestimmten Gesten oder Posen identifiziert? Schaut man sich diese Gesten bewusst bei einem Vorbild ab? Vielleicht. (Es lässt sich zum Beispiel oft genug beobachten, dass jemand lernt, zu posieren wie ein Filmstar.) Vielleicht aber auch nicht. Schliesslich 'übernimmt' man gerade in der alltäglichen Körpersprache Gesten oft unbewusst. Identifikationsprozesse können sich also ungesehen vollziehen: Eine Verhaltsweise schleicht sich ein und bevor man sich versieht, hat sie sich eingespielt und eingeschliffen, ohne dass jemals das Drama der Konfrontation des Subjekts mit einem objektiv zu identifizierenden Bild stattgefunden hätte. Soziologische Theorien, die Identifikation auf der Ebene der alltäglichen Übernahme von Verhaltensweisen in den 'Habitus' beschreiben, kommen so sehr gut ohne das psychologische Schauspiel der Annährung an ein Idealbild aus. Eine Grundeinsicht, die jedoch in beiden Beschreibungsmodellen eine wesentliche Rolle spielt, ist, dass der Prozess der Identifikation immer zwei Stossrichtungen hat: Zum einen stellt das Subjekt (wie beschrieben) von sich aus eine Beziehung zu etwas oder jemand anderem her, indem es sich damit identifiziert. Zum anderen wirkt diese Beziehung aber auch unmittelbar auf das Subjekt zurück: Es identifiziert sich selbst dadurch, dass es sich mit etwas ganz bestimmtem identifiziert, als jemand ganz bestimmtes: als Anhänger oder Verehrer einer bestimmten Sache und Angehöriger einer bestimmten Gemeinschaft (die wiederum durch die Identifikation mit einer bestimmten Sache geeint wird). Sich zu identifizieren, heisst in diesem Sinne auch, sich auszuweisen, einen Nachweis der eigenen sozialen Identität anzutreten. Eine weiteres Problem betrifft die Dynamik der Identifikation: Kann man wirklich davon ausgehen, dass jemand, der sich mit etwas identifiziert, sich immer auch voll und ganz damit identifiziert? Viele Studien über die sozialen Rituale von Fans zum Beispiel legen dies nahe. Fans sind Feuer und Flamme für ihre Sache. Auch Untersuchungen über die Identifikation mit Geschlechterrollen lassen meist wenig Raum für Unentschiedenheit: Man ist ja nicht aus zu- und abnehmender Begeisterung mal mehr und mal weniger Mann oder Frau. Oder vielleicht doch? Noch zu wenig untersuchte Faktoren in Identifikationsprozessen sind Trägheit, Halbherzigkeit und Willensschwäche. Diese Faktoren scheinen gerade deshalb so wichtig zu sein, weil auf der Ebene gesellschaftlicher Konventionen die Förderung und fortgesetzte Aufrechterhaltung von Unentschiedenheit in bezug auf Sinn- und Glaubensfragen eine so wichtige Rolle spielt. Die bürgerliche Gesellschaft erwartet von niemandem mehr als eine pro forma Identifikation mit einer sozialen Rolle, einem Lebensstil oder Status. Das Lippenbekenntnis reicht aus. Zuviel Glaubenseifer und Ernst in Identifikationsfragen wirkt dagegen bereits suspekt. ('Fan' kommt von 'fanatisch'.) In dieser Trägheit könnte jedoch ein enorm subversives Potential stecken. Vielleicht zerbricht die bürgerliche Gesellschaftsordnung ja genau an den Bürgern, die mit der Zeit schlicht zu träge geworden sind, um sich noch mit ihr zu identifizieren? |
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